Lauschen am Erlanger Burgberg
Kultur unter freiem Himmel
Diesen Sommer präsentiert das Kulturzentrum E-Werk mit dem neuen Format „Lauschen“ an drei Abenden ein Sommerpicknick mit Lesung junger Gegenwartsautor*innen und Musik im Heinrich-Kirchner-Skulpturengarten am Erlanger Burgberg. Los geht es diesen Freitag mit Esther Becker und Hengameh Yaghoobifarah. Weitere Termine sind Thorsten Nagelschmidt und Timon Kaleyta am 6. August sowie Franka Frei und Lisa Krusche am 3. September.
Der Heinrich-Kirchner-Skulpturengarten am Erlanger Burgberg ist ein Ort mit ganz besonderem Flair. Mit seinen Terrassen, Obstbäumen und Kunstwerken ist es der perfekte Ort für ein Picknick mit Freunden an einem lauen Sommerabend. Doch Lauschen können die Besucher*innen diesen Sommer hier nicht nur dem Zirpen der Grillen: Im Rahmen des neuen Formats mit eben diesem Titel, „Lauschen“, stellt das E-Werk an drei Tagen ein literarisch-musikalisches Programm inmitten dieses jahrhundertealten Gartens auf die Beine. Am 2.7., 6.8 und 3.9. präsentieren die Moderatorinnen Kathi Mock und Nina Bundels junge Autor*innen deutscher Gegenwartsliteratur: Unkonventionell und feministisch, gesellschaftskritisch und selbstreflektierend. Dabei steht das Lauschen im Vordergrund, es soll und darf aber auch darüber hinaus gehen. Im beschaulichen und intimen Rahmen soll eine lebendige Kommunikation zwischen den Autor*innen und dem Publikum entstehen. „Gemeinsam lauschen wir, träumen wir, denken wir nach, sprechen wir miteinander,“ heißt es auf der E-Werk Homepage. Abgerundet werden die Abende durch jeweils einen musikalischen Gast. Der Heinrich-Kirchner-Skulpturengarten ist ein echter Geheimtipp in Erlangen. Und kein Ort schien dem E-Werk Team passender, um die Reihe „Lauschen“ zu zelebrieren: Ein bisschen versteckt, ein bisschen entrückt und doch nah an der Stadt.
Die Veranstaltungen werden nicht bewirtschaftet. Die Gäste sind daher eingeladen, eigenes Picknick und Getränke mitzubringen. „Lauschen“ findet mit einer corona-konformen Bestuhlung unter Einhaltung der bestehenden Abstandsregel statt und die Anzahl der Plätze ist stark begrenzt. Im Vorfeld können Plätze über e-werk.de gebucht werden. Bei starken Regen oder Unwetter werden die Veranstaltungen ins E-Werk verlegt.
Das Programm
02.07. 2021
Esther Becker und Hengameh Yaghoobifarah
Musikalische Gästin: Hanna Sikasa
Moderation: Kathi Mock
Esther Becker: WIE DIE GORILLAS
Abnehmen, ohne anderen davon zu erzählen, den Rasierer auf dem Weg in die Schwimmbaddusche verstecken, schminken, als wäre alles von Natur aus so. In ihrem Debütroman »Wie die Gorillas« beschreibt Esther Becker das Erwachsenwerden junger Frauen in einer Gesellschaft, die behauptet, alle könnten selbst bestimmen. Doch gehört sich Manches und Anderes nicht. Wo verlaufen die Grenzen zwischen ausgelebter Individualität und den Anstrengungen, dazuzugehören? Wie soll der Körper aussehen, wie sich benehmen – ob beim Sportunterricht, in der Schule, unter Freundinnen oder in Beziehungen? Lustvoll, pointiert, mit viel Humor und mit der Drastik, die es benötigt, erzählt Becker vom gesellschaftlichen Druck, der auf jungen Frauenkörpern lastet.
ESTHER BECKER, geboren 1980 in Erlangen, lebt als Dramatikerin, Schriftstellerin und Performerin in Berlin. Sie studierte an der Hochschule der Künste Bern und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie veröffentlichte Texte in diversen Magazinen und Anthologien. Ihre Theatertexte (Verlag Felix Bloch Erben) wurden bereits mehrfach ausgezeichnet und in Deutschland und der Schweiz aufgeführt. Sie ist Mitglied der Theaterformation bigNOTWENDIGKEIT.
Hengameh Yaghoobifarah: MINISTERIUM DER TRÄUME
Als die Polizei vor ihrer Tür steht, bricht für Nas eine Welt zusammen: ihre Schwester Nushin ist tot. Autounfall, sagen die Beamten. Suizid, ist Nas überzeugt. Gemeinsam haben sie alles überstanden: die Migration nach Deutschland, den Verlust ihres Vaters, die emotionale Abwesenheit ihrer Mutter, Nushins ungeplante Mutterschaft. Obwohl ein Kind nicht in ihr Leben passt, nimmt Nas ihre Nichte auf. Selbst als sie entdeckt, dass Nushin Geheimnisse hatte, schluckt Nas den Verrat herunter, gibt alles dafür, die Geschichte ihrer Schwester zu rekonstruieren – und erkennt, dass Nushin sie niemals im Stich gelassen hätte.
HENGAMEH YAGHOOBIFARAH, geboren 1991 in Kiel, studierte Medienkulturwissenschaft und Skandinavistik in Freiburg und Linköping. Nach einem Zwischenstopp in Wien zog Hengameh Yaghoobifarah 2014 nach Berlin und arbeitet dort seitdem in der Redaktion des Missy Magazine. Außerdem schreibt Hengameh Yaghoobifarah frei für deutschsprachige Medien, seit 2016 etwa die Kolumne »Habibitus« für die taz. 2019 hat Hengameh Yaghoobifarah gemeinsam mit Fatma Aydemir die viel beachtete Anthologie »Eure Heimat ist unser Albtraum« herausgegeben.
HANNA SIKASA
Normalerweise ist Hanna Sikasa in großer Besetzung unterwegs: sich selbst am Wurlitzer begleitend, umgibt sich die Sängerin mit der warmen, samtigen Stimme mit Cello, Flügelhorn/Trompete, Kontrabass und Schlagzeug, sowie dreistimmigen Backgroundgesängen.
Dass ihre Musik auch solo, an Klavier und Stimme, ihren vollen Zauber entfaltet, wird sie an diesem Abend zeigen.
06.08. 2021
Thorsten Nagelschmidt und Timon Kaleyta
Musikalischer Gästin: Julia Laura
Moderation: Nina Bundels
Thorsten Nagelschmidt: ARBEIT
In einem Kreuzberger Hostel beginnt Sheriff seine Nachtschicht und fühlt sich mal wieder wie ein schlecht bezahlter Sozialarbeiter. Im Späti nebenan erlebt Anna den zweiten Überfall in diesem Jahr. An der Tür vom Lobotomy steht Ten und realisiert, dass ihm seine junge Familie durch seine Arbeitszeiten komplett zu entgleiten droht. Außerdem: Eine idealistische Notfallsanitäterin, eine zornige Pfandsammlerin und ein Drogendealer mit Zahnschmerzen, der sich fragt, ob er Freunde hat oder nur noch Stammkunden. Thorsten Nagelschmidt hat mit »Arbeit« einen großen Gesellschaftsroman über all jene geschrieben, die nachts wach sind und ihren Job erledigen, während Studenten und Touristen feiern. Temporeich erzählt er von zwölf Stunden am Rande des Berliner Ausgehbetriebs und stellt Fragen, die man beim dritten Bier gerne vergisst: Auf wessen Kosten verändert sich eine Stadt, die immer jung sein soll? Für wen bedeutet das noch Freiheit, und wer macht hier später eigentlich den ganzen Dreck weg?
THORSTEN NAGELSCHMIDT, 1976 in Rheine geboren, ist Schriftsteller, Musiker und Künstler. Er ist Sänger, Texter und Gitarrist der Band Muff Potter, die ein Demotape, sieben Alben und mehrere Singles veröffentlichten und über 600 Konzerte spielten. Von 1993 bis 1998 brachte er das Fanzine Wasted Paper heraus. Als Gastmusiker arbeitete er mit Künstlern wie Chuck Ragan, Kreator, Oliver Koletzki und dem hr-Sinfonieorchester. Mit seiner Linoldruckserie »Raucher« hatte er seit 2011 deutschlandweit zahlreiche Ausstellungen. Unter seinem Künstlernamen Nagel veröffentlichte er die Romane »Wo die wilden Maden graben« (2007) und »Was kostet die Welt« (2010) sowie die Sammlung von Fotos & Stories »Drive-By Shots« (2015). Seit 2007 gab er Hunderte von Lesungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und unterstützte internationale Autoren wie Irvine Welsh und John Niven auf deren Lesereisen. Seit Anfang 2017 ist er Gastgeber der Lese-&Labershow »Nagel mit Köpfen«. 2018 erschien sein Roman »Der Abfall der Herzen« und 2020 »Arbeit«.
Timon Karl Kaleyta
DIE GESCHICHTE EINES EINFACHEN MANNES
Unser Erzähler ist vom Glück geküsst. Er, der Junge aus einfachem Hause, spürt, dass das Schicksal Großes mit ihm vorhat. Erst als Helmut Kohl 1998 die Wahl verliert, zeigt seine Zuversicht Risse. Wird nun alles schlechter? Nach dem Abitur macht er sich voller Euphorie und dennoch maximal besorgt auf die Reise nach ganz oben. Um ein Haar erlebt er mit seiner Band den großen Erfolg, beginnt beinahe eine steile akademische Karriere, fast findet er das Glück in der Liebe und tänzelt dabei ständig am Abgrund. Doch wenn man ihm glauben will – und nichts wünscht er sich mehr –, wird am Ende alles gut für ihn.
Timon Karl Kaleyta erzählt von einem, der auszieht, um die Welt für sich zu gewinnen. Irisierend, funkelnd, schöner als der schöne Schein!
TIMON KARL KALEYTA veröffentlichte mit seiner Band vier Alben und spielte hunderte Konzerte. Er studierte in Bochum, Madrid und Düsseldorf und ist Gründer des Instituts für Zeitgenossenschaft IFZ. Nach dem finanziellen Ruin mit der Musik begann er ein glückliches Leben und ist heute Kolumnist (FAS), Drehbuchautor (jerks) und Ehemann einer erfolgreichen Kunsthändlerin in Berlin.
03.09. 2021
Franka Frei und Lisa Krusche
Musikalischer Gast: tba
Moderation: Kathi Mock
Franka Frei: KRÖTENSEX
Amerika. So heißt das Kaff, in das es Frieda aus Berlin verschlägt, um ihr Studium zu beenden. Selbst schuld, wer das Kleingedruckte in der Studienordnung nicht liest – außer Frieda wohl nur Bonzen, die den Audi von Papa fahren und sich Eineurobier, Gras und Ecstasy im Studiklub reinziehen. Ein Semester in der ostdeutschen Provinz? Das passt nicht zu Friedas life goal: vegane, Adorno zitierende Weltverbessererin mit Nasenring sein, die um die Welt trampt und ihren shit together hat – wie Freia, Friedas perfekte Zwillingsschwester. Mühelos hübsch, selbstbewusst und unabhängig sein, aber auf keinen Fall über die eigene Anziehungskraft Bescheid wissen – unschuldig attraktiv, das ist die Devise! Sonst wird’s zu viel. Und das ist Frieda eh schon. Ob sich damit am Ende body positivity und ein lebenslauftaugliches Praktikum finden lassen?
FRANKA FREI, 1995 in Köln geboren und in Salzburg aufgewachsen, studierte Angewandte Medien und Gender Studies, machte tausend Praktika und meditiert mittlerweile fast genauso viel wie sie auf Instagram abhängt. Auf das unerwartete Viralgehen ihrer Bachelorarbeit folgte im Frühjahr 2020 ihr Sachbuch »Periode ist politisch. Ein Manifest gegen das Menstruationstabu.« Neben ihrem menstruationsaktivistischen Engagement arbeitet sie als freie Journalistin, hält Vorträge an Universitäten im In- und Ausland und ist hin und wieder im Radio zu hören.
Lisa Krusche: UNSERE ANARCHISTISCHEN HERZEN
Zwei junge Frauen: Charles und Gwen. Charles muss mit ihren Post-Hippie-Eltern aufs Land ziehen und will da unter keinen Umständen hin. Auf einen Kiosk, eine Palme und das Internet ist zum Glück noch Verlass. Und Gwen? Sie wohnt ganz in der Nähe und führt dort unbemerkt ein wildes, schmutziges Leben, um dem Wohlstand ihrer Eltern zu entkommen. Das Geld, das sie den Jungs aus der Tasche zieht, während sie mit ihnen schläft, spendet sie. Dass die beiden sich kennenlernen, ist definitiv überfällig.
LISA KRUSCHE, geboren 1990 in Hildesheim, lebt in Braunschweig. Studium der Kunstwissenschaften an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig (HBK). Veröffentlichte in Zeitschriften und Anthologien, u.a. in »Mindstate Malibu. Kritik ist auch nur eine Form des Eskapismus«. 2019 erhielt sie den Edit Radio Essaypreis. 2020 den Hans-im-Glück-Preis und den Deutschlandfunk-Preis bei den 44. Tagen der deutschsprachigen Lite
