Eine Version der Zukunft
Für Zukunftsforscher Dr. Bernd Flessner (Erlangen/Uelfeld) ist die Pandemie keine Überraschung !
Wer kennt es nicht, das berühmte „Was wäre, wenn…“-Spiel? Wenn man dies oder jenes anders oder besser gemacht hätte, wäre dann alles anders gekommen? Genau diesen Fragen widmen sich Zukunftsforscher – bloß, wie der Name sagt, in der Zukunft statt in der Vergangenheit. „Wir nehmen die Zukunft und teilen sie in viele verschiedene Zukünfte und spielen dann jeweils verschiedene Szenarien durch“, erklärt Bernd Flessner.
Er ist Zukunftsforscher, Autor, Publizist, Medienwissenschaftler und Dozent am Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen (ZiWiS) der FAU. Seine Seminare finden wie die meisten Kurse in diesem Semester online statt. „Zum Glück ist die Uni digitalaffin und in dem Bereich ganz gut ausgestattet, sodass der Lehrbetrieb aufrechterhalten werden kann“, sagt er. Seine Kurse sollen in kleinere Gruppen aufgeteilt werden, mit Aufgaben versorgt und über ZOOM-Meetings unterrichtet werden: „Das schaffen wir schon, Improvisation ist alles!“
Als Zukunftsforscher ist er weniger überrascht von der Corona-Pandemie als die meisten anderen Menschen: „Ich habe das Gefühl, in einem Film zu sitzen, den ich schon mal gesehen habe, aber den sonst niemand kennt.“ Eine Pandemie gilt unter Zukunftsforschern als sogenannte „Wild Card“, also als ein Ereignis, dass relativ unwahrscheinlich ist, wenn es eintritt aber enorme Folgen hat, wie zum Beispiel ein Vulkanausbruch, ein Meteoriteneinschlag oder eben eine Pandemie. Pandemien sind nichts Neues in der Menschheitsgeschichte, dass es wieder eine geben wird war (und ist noch immer) so sicher wie das Amen in der Kirche. Nur wann es passiert, das ist die große Frage – in einem Jahr, in fünf Jahren, in fünfzig Jahren, in hundert Jahren, das weiß niemand. „Es ist nicht die Aufgabe von uns Zukunftsforschern, Prognosen zu erstellen oder die Zukunft vorherzusagen, sondern Szenario-Studien zu machen. Das heißt, wir spielen verschiedene Ereignisse in verschiedenen Versionen durch“, erklärt Bernd Flessner.
Die verschiedenen Versionen, das sind der Best Case, der Worst Case und der Base Case. „Die jetztige Covid-19 Pandemie entspricht in etwa unserem entworfenen Base Case im Falle einer Pandemie“, so Bernd Flessner. „Nur die Details konnten wir nicht vorhersehen – dass die Leute jetzt massenweise Klopapier und Mehr horten, war auch für uns eine Überraschung.“ Deutlich schlimmer hätte eine Pandemie sein können, wenn es sich um ein resistentes und schnell tödliches Virus gehandelt hätte, das sich rasend schnell überträgt und gegen das man lange Zeit kein Mittel findet. Der Best Case hingegen wäre ein einfach zu behandelndes Virus gewesen, gegen das man schnell einen Impfstoff findet und das nicht tödlich ist.
Spannend bleibt die Frage, was wir Menschen aus der Pandemie lernen werden, und ob wir das nächste Mal besser vorbereitet sind: „Ich fürchte, dass andere Krisen kommen und die Erinnerung an die Pandemie aus dem kollektiven Gedächtnis löschen wird“, so Flessner. Die Szenariostudien gab es schließlich bereits vor Corona, und die Welt war trotzdem nicht vorbereitet – dabei ist das Prinzip dasselbe, wie bei einer Versicherung: Man zahlt dafür, dass man im Notfall abgesichert ist, egal wie unwahrscheinlich der Fall ist. Die meisten Häuser sind gegen Brände versichert, aber wie viele Menschen erleben tatsächlich einen Hausbrand?
Dabei gäbe es auch günstigere Versicherungen gegen Pandemien als Schutzausrüstung teuer herzustellen, zu lagern und nach Ablaufdatum wegzuschmeißen, wenn sie nicht benötigt wurde. „Mit modernen Technologien ist es problemlos möglich, im Krisenfall sofort auf dezentrale Produktion von Schutzausrüstung und Geräten umzusteigen“, sagt Flessner. Er spielt auf den 3D-Druck an: Firmen, die an deutschen Standorten mit 3D-Druck arbeiten, könnten polymere Kunststoffe lagern und dann mit der entsprechenden Software beispielsweise im Falle einer Pandemie auf die regionale Produktion von Schutzausrüstung und medizinischen Geräten umsteigen. „Mithilfe von Fabbing, also verschiedenen Versionen des 3D-Drucks, könnten so in kürzester Zeit direkt vor Ort große Mengen an benötigter Ausrüstung produziert werden, lediglich das Rohmaterial müsste vorrätig gelagert werden“, so Flessner. Im Gegensatz zu den fertigen sterilen Produkten habe das aber kein Ablaufdatum und könne somit problemlos gelagert werden. Im Prinzip ist das jetzt schon möglich, aber ob das System so umgesetzt wird, bleibt fraglich. Es ist eben – wie bei Zukunftsforschern üblich – nur eine Version der Zukunft.
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