Aus dem Kopf durch die Hand in die Welt

Nutze dein Potential – mach Handwerk

#machhandwerk – weil du mehr kannst. So lautet der neue Slogan, mit dem die Handwerkskammer für Mittelfranken um Jugendliche für eine Ausbildung wirbt. Aus der Luft gegriffen ist er nicht. Denn das ansonsten heterogene Handwerk hat in seinen zahllosen Arbeitsfeldern doch eine Gemeinsamkeit: Man braucht Köpfchen – für die Vision – und man braucht Geschick – für die Umsetzung. „Aus dem Kopf, durch die Hand, in die Welt“, beschreibt Thomas Pirner, Präsident der Handwerkskammer für Mittelfranken, diese Gemeinsamkeit. Man muss eben mehr können, um eine Idee real werden zu lassen. Man muss Theorie und Praxis verbinden. „Das Vorurteil, dass Handwerker nur stumpfsinnig körperlich harte Arbeit verrichten, hat nicht nur nie gestimmt, sondern ist gerade auch in den vergangenen Jahren völlig absurd geworden“, betont der Friseurmeister. Denn bevor etwas entstehen kann, braucht es eine Vision. Eine Idee. Und dann braucht es sehr viel meisterliches Wissen, unter anderem über Materialien, Techniken oder einfach Zusammenhänge, um beispielsweise aus dem Kundenwunsch „Cooles Wohnzimmer“ beim Schreiner das konkrete Sideboard aus buntem Epochitharz in Kombination mit jahrhundertealter schwarzer Mooreiche, modernen Seitenelementen, futuristischer Beleuchtung und Platz für Fernsehgerät, Playstation, Mini-Bar, Smartphone-Ladestation, Kabelführung und Katzenwohlfühlecke zu machen. Fingerspitzengefühl im Gespräch mit dem Kunden sind gefragt. Oft weiß der auch nicht so genau, was er will. Gemeinsam entwickelt man ein Bild, stellt Möglichkeiten in den Raum, auf die der andere vielleicht nie gekommen wäre und macht sich dann mit dem ganzen Wissen über Materialbeschaffenheit, Physik und Ästhetik an die Arbeit. Mit einmaligen Holzunikaten, geschmolzenem Harz und sperrigen Einzelteilen wird trotzdem millimetergenau sorgfältig mit den Händen erschaffen, was am Ende des Tages – oder vieler Tage – fertig im Raum steht. Zum Ansehen und Staunen, aber vor allem zum Anfassen. Auch Christian Elsner, seit vergangenem Jahr Deutschlands bester Sattlergeselle und Bundessieger im Praktischen Leistungswettbewerb des Handwerks, begeistert dieser Moment immer wieder: „Wenn alles fertig ist, sehe ich den Blick in den Augen der Kunden, wenn sie vor ihrem Oldtimer stehen, und sagen, dass er nicht mal am ersten Tag so schön ausgesehen hat.“

Aber natürlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Und auch das ist etwas, das das Handwerk auszeichnet. „Es gibt über 130 Ausbildungsberufe im Handwerk“, erklärt Thomas Pirner. „Da ist für jeden etwas dabei. Jeder kann gemäß seinen Talenten glücklich werden.“ Welche Talente man besitzt, kann man schnell testen: Unter lehrlinge-fuer-bayern.de gibt es den Berufechecker. „Bin ich lieber draußen oder im Büro? Arbeite ich lieber mit Menschen oder mit Maschinen?“ Diese Fragen kann man beantworten und der Berufechecker spuckt die passenden Handwerke aus. Vertiefende Informationen zu diesen erhält man über das Berufe-Wiki. Im Macher-Blog auf der Seite kann man über die Erfahrungen anderer Auszubildender lesen und den Blick über die Schulter wagen. Und wer individuelle Fragen hat, kann sie über WhatsApp stellen, denn auch innerhalb der einzelnen Branchen gibt es eine Nische für jeden, die auf den ersten Blick nicht offensichtlich ist. „Wer lieber ausschließlich mit den Händen arbeitet, kann sich als Geselle auf die produktiven Arbeiten konzentrieren, wer gerne Visionen entwirft, Menschen führt, ausbilden oder auch mal Kundengespräch, Planung und Kalkulation für einen Auftrag durchführen möchte, kann sich zum Meister fortbilden. Dann kann er auch als Unternehmer durchstarten, seinen Betriebswirt im Handwerk machen oder ein Studium beginnen“, zeigt der Kammer-Präsident die einzelnen Möglichkeiten auf der Karriereleiter auf. „Aber natürlich kann ich mich auch als Geselle in Kursen zu Detailfragen weiterbilden und so zum gefragten Spezialisten für die Tätigkeit werden, die mir in meinem Beruf am meisten Spaß macht.“

Angst vor Arbeitslosigkeit muss ein guter Handwerker selten haben. Das hat sich gerade auch in der Pandemie gezeigt. „Man darf das nicht beschönigen: Einige Branchen hat Corona und vor allem der Lockdown hart getroffen. Vor allem die Ladenhandwerker, wie Goldschmiede, aber auch Kosmetiker, Friseure oder Fotografen waren und sind teilweise ohne Umsatz. „Was diese Unternehmer aber eint, ist, dass sie mit allen Mitteln versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten. Sei es über Kurzarbeit, sei es über das Aufbrauchen der eigenen Rücklagen. Im Familienbetrieb entlässt man nicht eben seine Angestellten, um genug für eine saftige Dividendenausschüttung zu gewinnen“, sagt Pirner. Andere Branchen des Handwerks kommen relativ gut durch die Krise. Über 73 Prozent der befragten mittelfränkischen Handwerksbetriebe gaben in einer Umfrage an, dass die aktuelle Geschäftslage für sie gut bzw. befriedigend ist. Vor allem das Bauhaupt- und Ausbaugewerbe erwies sich als Stabilitätsanker in der Krise. Und damit schließt sich auch der Kreis. Denn, wenn es den Betrieben gut geht, brauchen sie Mitarbeiter. Qualifizierte Mitarbeiter. Fachkräfte. Und die müssen ausgebildet werden. „In Coronazeiten war es schwer, die klassischen Instrumente der Berufsorientierung, wie Ausbildungsmessen oder Praktika anzubieten“, sagt Thomas Pirner. Das Handwerk hat zwar versucht, gegenzusteuern, „aber der Rundgang mit dem Smartphone durch die Werkstatt ersetzt nicht den Geruch nach Holz, das Gefühl, wenn man ein Buchenbrett abschmirgelt oder den Stolz, den man am Abend hat, wenn man sein selbst gefertigtes Werkstück mit nach Hause nimmt“, weiß der Friseurmeister. „Handwerk muss man erleben. Man muss es fühlen. Mit allen Sinnen.“ Er hofft daher, dass Praktika im Rahmen der Berufsorientierung bald wieder möglich sind. Damit möglichst viele Jugendliche ihren Weg ins Handwerk finden. Willkommen sind sie auf jeden Fall!

 

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